Schloss Brunszvik in Martonvásár – Das englischste Schloss Ungarns

Martonvásár liegt nur etwa 30 Autominuten von Budapest entfernt und ist auch bequem mit dem Regionalzug erreichbar. Die Stadt im Komitat Fejér blickt auf eine Geschichte zurück, die bis etwa ins Jahr 1000 reicht. Archäologische Funde belegen jedoch, dass bereits Kelten und Sarmaten das Gebiet besiedelten1. Nach der römischen Herrschaft gelangte die Region unter ungarische Kontrolle. Dank seiner Lage an der bedeutenden Handelsstraße zwischen Buda und Székesfehérvár entwickelte sich Martonvásár zu einem wichtigen Marktort – ein Erbe, das sich bis heute im Ortsnamen widerspiegelt. Im 16. Jahrhundert führte die osmanische Eroberung jedoch zur Entvölkerung der Siedlung. Aus der einst lebhaften Handelsstadt wurde eine sumpfige Landschaft.

Zunächst gelangte Martonvásár als Pfandbesitz an Sándor Beniczky. Später verlieh Kaiserin Maria Theresia Graf Antal Brunszvik den Grafentitel und übertrug ihm gleichzeitig das Gut Martonvásár2. In den Jahren 1784–1785 entstand mit einem eingeschossigen Barockschloss der Grundstein des heutigen Schlosses. Bereits damals begann man mit umfangreichen Baumpflanzungen, die den Grundstock für den heutigen englischen Landschaftspark bildeten3. Auch die klassizistische Kirche des Ortes wurde in dieser Zeit errichtet4. Nach dem Tod von Graf Antal im Jahr 1793 blieb seine Ehefrau Anna Seeberg mit ihren Kindern Teréz, Jozefin und Ferenc zurück. 1799 reiste die Witwe mit ihren Töchtern an den Wiener Hof, um geeignete Ehemänner für sie zu finden. Dort begegnete sie Ludwig van Beethoven und bat ihn, ihren Töchtern Klavierunterricht zu erteilen. Obwohl der Komponist zunächst zögerte, unterrichtete er die jungen Damen schließlich sechzehn Tage lang. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass ihr Bruder Ferenc Brunszvik5 einer seiner engsten Freunde und Förderer werden würde. 1806 vollendete Beethoven seine berühmte Appassionata und widmete sie Ferenc Brunszvik. Heute erinnern das Beethoven-Museum im Schloss, die Statue auf der Insel im Park sowie die sommerliche Konzertreihe mit klassischer Musik an diese außergewöhnliche Freundschaft.

Ferenc Brunszvik übernahm das Gut im Jahr 1807. In den 1820er Jahren ließ er das Schloss im klassizistischen Stil erweitern. Gleichzeitig wurde auch der englische Landschaftspark weiterentwickelt, dessen Planung vermutlich auf den berühmten Gartenarchitekten Heinrich Nebbien zurückgeht. Auf seine Empfehlung hin wurden zahlreiche Baumarten gepflanzt, darunter Eschen, Japanische Schnurbäume, Blasenbäume, Sumpfzypressen, Mammutbäume, Eisenholzbäume und Platanen6. Der Szent-László-Bach durchfließt das Gelände und wurde aufgestaut, um den malerischen Schlosssee anzulegen. Sein heutiges Erscheinungsbild erhielt das Schloss ab den 1870er Jahren, als Géza Brunszvik, Sohn von Ferenc und Enkel von Antal, es im neugotischen Stil umbauen ließ. Wahrscheinlich ließ er sich dabei von seinen Reisen nach England inspirieren. Die kostspieligen Bauarbeiten und weitere finanzielle Schwierigkeiten zwangen die Familie Brunszvik schließlich zum Verkauf des Besitzes. 1893 ging das Anwesen an Erzherzog Joseph über, der das Schloss 1896 restaurieren ließ und es ein Jahr später an Antal Dreher verkaufte, dessen Brauerei bis heute zu den bekanntesten Ungarns zählt7. Während des Ersten Weltkriegs diente das Schloss als Lazarett. Zwischen 1923 und 1927 ließ Jenő Dreher umfangreiche Renovierungsarbeiten durchführen. Nach wenigen friedlichen Jahren brachte der Zweite Weltkrieg erneut einschneidende Veränderungen mit sich, und 1945 wurde das Schloss verstaatlicht. Glücklicherweise erhielt es eine neue Bestimmung: Seit 1953 beherbergt es das Agrarforschungszentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, während der Park im selben Jahr unter Naturschutz gestellt wurde8.

Mit seiner markanten Tudor-Architektur und dem prachtvollen englischen Landschaftspark wird das Schloss Martonvásár häufig als das englischste Schloss Ungarns bezeichnet. Die weißen Fassaden, burgartigen Türme und klaren geometrischen Formen erinnern an ein englisches Landgut. Besucher können heute zwar nur das Beethoven-Museum und das Besucherzentrum Agroverzum besichtigen, doch schon der Anblick des Schlosses von außen und ein Spaziergang durch einen der schönsten englischen Landschaftsparks Ungarns machen den Besuch zu einem besonderen Erlebnis.

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