- Noémi Vizi
- Foto: Soós Bertalan
- Lesezeit: 4 Minuten
Das Schloss von Bajna, das Sándor Móric, der „Teufelsreiter“, aus Liebe umbauen ließ
Die Geschichte des klassizistischen Schlosses in Bajna ist ebenso bewegend wie die Geschichte der Familie Sándor selbst. Nach dem Umbau im 18. Jahrhundert erlebte das Schloss seine Blütezeit, die eng mit der Legende des „Teufelsreiters“ verbunden ist. In den Jahrzehnten nach der Verstaatlichung wurde das Gebäude jedoch als einsturzgefährdet eingestuft. Nach einer umfassenden Renovierung wurde das Schloss 2021 wieder eröffnet und erstrahlt heute erneut in seinem früheren Glanz. Nun begeben wir uns auf die Spur seiner Geschichte.
Sándor Móric erbte 1819 im Alter von 17 Jahren die Besitzungen der Familie Sándor, nachdem sein Vater an einer Lungenentzündung verstorben war. Seine Eltern hatten ihren Sohn stets vor allen Gefahren bewahrt, insbesondere weil sein älterer Bruder bereits verstorben war und somit nur Móric den Familiennamen Sándor weiterführen konnte. Seine Kenntnisse waren zunächst sehr lückenhaft, weshalb er begann, sich selbstständig weiterzubilden. Er war äußerst wissbegierig, aufgeschlossen und fleißig und erlernte innerhalb kurzer Zeit Italienisch und Französisch. Auch sein musikalisches Talent zeigte sich: Er spielte Klavier und Zither und komponierte sogar eigene Lieder. Sein Vater hatte ihn sehr streng erzogen, weshalb es verständlich ist, dass sich für ihn nach dessen Tod eine neue Welt eröffnete.
Auch mit dem Reiten kam er erst im jungen Erwachsenenalter in Berührung, obwohl sein Vater, Vince Sándor, ebenfalls eine große Leidenschaft für Pferde hatte. Er gründete das Gestüt in Gyarmat und ließ 1802 die Stallungen hinter dem Schloss errichten. (Falls der geschätzte Leser beim Namen Sándor-Palais in der Budauer Burg und der dortigen Reithalle an den heutigen Amtssitz des ungarischen Staatspräsidenten denkt, liegt er richtig: Der Vorgängerbau wurde von Vince Sándor aus Bajna und seiner Familie errichtet.) Da der junge Graf als besonders wertvoll galt und man ihn auch vor möglichen Gefahren durch Pferde schützen wollte, durfte er ihnen nicht nahekommen. Dabei hatte er sich immer nach dem Reiten gesehnt. Im Alter von etwa 18 Jahren saß er zum ersten Mal auf einem Pferd – und dabei zeigte sich sofort sein außergewöhnliches, von Gott gegebenes Talent. Leidenschaftlich entwickelte er seine Fähigkeiten weiter und vollführte immer gewagtere Kunststücke zu Pferd. 1831 verkaufte er den Sándor-Palast in Buda, der später in den Besitz der Familie Pallavicini gelangte. Das dadurch gewonnene Geld investierte er in seine große Leidenschaft, das Reiten.
Der Legende nach erhielt er in England den Beinamen „Teufelsreiter“, nachdem er ein besonders wildes Pferd gezähmt hatte. Zahlreiche Geschichten ranken sich um seine außergewöhnliche Persönlichkeit. So soll er beispielsweise zu Bällen die Treppen hinaufgeritten sein und damit seinem Spitznamen alle Ehre gemacht haben; mit einem Vierergespann soll er die engen Stufen der Budauer Burg hinuntergefahren sein; während eines winterlichen Eisgangs auf der Donau soll er mit einer voll besetzten Kutsche über den Fluss gesprungen sein; außerdem soll er mit seinem Pferd von Balkonen gesprungen sein und in einer einzigen Nacht sogar auf drei verschiedenen Bällen erschienen sein – man kann sich vorstellen, mit welchem unglaublichen Tempo er unterwegs gewesen sein muss. Einer weiteren berühmten Erzählung zufolge sprang er im Wiener Prater mit seinem Pferd über die Kutsche von Leontine Metternich. Die Tochter des mächtigen Staatskanzlers Metternich verliebte sich sofort in den Teufelsreiter – zwischen den beiden entwickelte sich eine wahre Liebesgeschichte.
Zurück zu Móric Sándor: Auch sein Schicksal wurde durch eine Verletzung beim Reiten bestimmt. Im Jahr 1850 erlitt er während eines seiner Kunststücke eine schwere Kopfverletzung und war danach nicht mehr derselbe Mensch. Die folgenden 28 Jahre lebte er unter ständiger ärztlicher Betreuung.
Jahrzehnte später verließen die letzten Nachkommen der Familie Metternich-Sándor das Schloss während des Zweiten Weltkriegs in den 1940er Jahren. 1944 floh Metternich-Sándor Klementine in die Schweiz. Im Dezember desselben Jahres rückten sowjetische Truppen ein und begannen mit der Plünderung des Schlosses. Die größten Schäden entstanden durch die deutsche Gegenoffensive im Januar, die mit einer vollständigen Ausraubung und Verwüstung des Gebäudes einherging. Das Schloss wurde als Lazarett genutzt, und in der Kapelle wurden sogar Leichen aufbewahrt. Auf jede erdenkliche Weise wurde die Würde des Schlosses Sándor–Metternich in Bajna zerstört. Nach dem Krieg wurde das Gebäude zunächst landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, später Maschinenstation und anschließend Aluminiumproduktionsbetrieb. Außerdem befand sich hier Ungarns einzige Ausbildungsstätte für weibliche Traktorfahrerinnen. Der einst prächtige englische Landschaftsgarten wurde zerschnitten, und eine Landstraße wurde hindurchgeführt. Zwischen 1967 und 1972 beherbergte das Schloss eine lokalhistorische Ausstellung – allerdings nur für kurze Zeit, da das Gebäude lebensgefährlich geworden war.










