Bagatelle Gardenhouse – Denkmalpflege mit zeitgenössischer Eleganz

Wir befinden uns in Budapest in der Németvölgyi út 17, vor einer außergewöhnlichen, liebevoll restaurierten Villa, die heute als Home Hotel betrieben wird. Von außen lässt sich kaum erahnen, welcher zauberhafte Garten die Besucher im Innenhof erwartet. Eigentümer sind Ágnes Wirtz und ihr Ehemann Albrecht, die auch die benachbarte Villa Bagatelle, die Brót Bäckerei sowie das Brót by Villa Bagatelle MOM Park betreiben. Weniger bekannt ist, dass mit der Eröffnung der Villa Bagatelle im Jahr 2010 zugleich die Világszép Kinderhilfsstiftung gegründet wurde. Sie unterstützt Kinder, die nicht bei ihren Eltern, sondern in Pflegefamilien oder Kinderheimen aufwachsen1. Die Stiftung schenkt ihnen Aufmerksamkeit und Geborgenheit, organisiert Ferienlager, bietet ein Mentorenprogramm sowie Erzähl-, Karriere- und Krisenprogramme an, damit die Kinder erfahren können, dass „die Welt auch für sie schön und voller Möglichkeiten ist“. Für die Familie Wirtz haben sowohl die Unterstützung benachteiligter Kinder als auch die Wiederbelebung historischer Villen einen besonders hohen Stellenwert.

Lernen wir nun die Geschichte der Villa und der Familie kennen, die sie einst erbauen ließ. Die jüdische Familie Semler war über fünf Generationen hinweg im Tuchhandel tätig – ein Unternehmen, das Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde2. Neben Budapest war die Familie auch in London, Paris, Zürich, Philadelphia, Toronto und New York vertreten. Durch ihre Tätigkeit verbreiteten sich in Ungarn die hochwertigsten englischen Wollstoffe. Elemér Semler beauftragte Tibor Szivessy, einen der bedeutendsten Architekten seiner Zeit, mit der Planung der Villa, um seiner Frau Erzsébet Epstein und ihren beiden Kindern Éva und Sándor ein Zuhause zu schaffen. Auch Erzsébets Familie blickte auf eine lange Tradition angesehener Ärzte zurück. Das glückliche Familienleben währte jedoch nicht lange, denn aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde die Familie zunehmend verfolgt. Im März 1944 legte Sándor noch seine vorgezogene Matura ab, musste jedoch bereits den Gelben Stern tragen3. Der 18-Jährige wurde zum Arbeitsdienst eingezogen; das letzte Foto4 von ihm entstand in dieser Zeit. Er starb am 11. Januar 1945 im Lager Ohrdruf. Im Juni 1944 wurde die Familie aus ihrer Villa in der Németvölgyi út vertrieben und in das Ghetto deportiert. Danach verliert sich ihre Spur. Die Geschichte der Familie Semler wurde von der Journalistin Eszter Kiss erforscht.

Nach der Vertreibung wurde die Villa verstaatlicht und jahrzehntelang als Mietshaus genutzt5. Ihr baulicher Zustand verschlechterte sich von Jahr zu Jahr, bis die Familie Wirtz ein neues Kapitel einleitete. Einen entscheidenden Beitrag zur Wiedergeburt des Gebäudes leisteten die Architekten László Benczúr und Miklós Weichinger, die das Restaurierungskonzept entwickelten, sowie die Innenarchitektin Edit Móder. Das renommierte Planungsteam legte den Schwerpunkt auf den Erhalt und die Vermittlung historischer Werte und empfahl daher nur minimale bauliche Eingriffe. Neu geschaffen wurde vor allem das harmonische Zusammenspiel von Terrasse, Garten und Wohnbereich, die heute nahezu eine Einheit bilden. Die historische steinerne Säulenterrasse wurde verglast und zu einer überdachten Arkadenveranda erweitert6.

In den 1930er-Jahren stand bei repräsentativen Villen vor allem die Außenwirkung im Vordergrund. Gerade deshalb war die Semler-Villa etwas Besonderes, denn sie brach mit dieser Tradition und richtete den Fokus stattdessen auf den privaten Garten – ein Konzept, das bereits den Bedürfnissen modernen Wohnens vorausgriff7. Der Name Gardenhouse leitet sich von diesem Garten hinter dem Gebäude ab. Besucher erwartet hier eine wahre grüne Oase, die sich mit jeder Jahreszeit in neuen Farben und Pflanzen präsentiert.

Das Bagatelle Gardenhouse ist etwas ganz Besonderes, denn keines der sechs Zimmer gleicht dem anderen. Jedes besitzt seine eigene Atmosphäre und trägt einen außergewöhnlichen Namen: Buchstabe, Lorbeer, Nachtigall, Palette, Rhapsodie und Rampenlicht. Alle Zimmer erzählen persönliche Erinnerungen des Ehepaars Wirtz. Die Rhapsodie erinnert beispielsweise an den Beginn ihrer Liebe, als Albrecht über die Musik einen Zugang zur Budapester Kulturszene fand. Das Zimmer verfügt über einen großzügigen Balkon mit einem wunderbaren Blick in den Garten. Buchstabe verweist auf Bücher und Publikationen in ungarischer, englischer und deutscher Sprache. Im Erker wurde eine gemütliche Leseecke eingerichtet. Gleichzeitig erinnert das Zimmer an die Zeit, in der Albrecht seine Frau Ágnes über ihre Lieblingsbücher besser kennenlernen wollte. Die Palette ist Erzsébet Vojnich gewidmet, einer der Lieblingsmalerinnen von Ágnes. Einige ihrer Kunstwerke schmücken dieses Zimmer. Rampenlicht erinnert an die Großeltern von Ágnes, die beide Schauspieler waren und deren künstlerisches Vermächtnis hier weiterlebt.

Die Möbel, Wohnaccessoires und Kunstwerke im gesamten Haus stammen von zeitgenössischen Designern und Künstlern. Den Eigentümern war es wichtig, weniger bekannten ungarischen Kunstschaffenden eine Plattform zu bieten. Gleichzeitig sollten die Gäste Gemälde und Skulpturen nicht hinter Museumsvitrinen erleben, sondern als selbstverständlichen Teil des Wohnraums. Das gesamte Interieur wurde mit dem Ziel gestaltet, eine zeitlose Eleganz auszustrahlen. Die außergewöhnlichen Leuchten wurden von Virág Albert und Farkas Pongrácz (Blum & Wolf) entworfen. Die handgeknüpften Teppiche aus neuseeländischer Schurwolle8 sowie die passenden Plaids stammen von Krisztina Vándor. Das Keramikgeschirr im Speisesaal wurde eigens für das Gardenhouse von Gábor Somoskői (Kezemura) entworfen und gefertigt9.

In den Zimmern gibt es bewusst keine Fernsehgeräte. Diese Entscheidung trafen die Eigentümer ganz gezielt, damit die Gäste ihre Zeit nicht vor dem Fernseher verbringen, sondern die Gemeinschaftsräume – etwa den Gardenroom oder den Garten – nutzen, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch Nachhaltigkeit spielt im Bagatelle Gardenhouse eine zentrale Rolle. Das Haus verfügt über eine eigene Wasseraufbereitungsanlage, deren gefiltertes Wasser vor Ort abgefüllt wird. Die Seifen werden aus natürlichen Inhaltsstoffen hergestellt, und Brot sowie feine Backwaren stammen aus der benachbarten Brót Bäckerei10.

Das Bagatelle Gardenhouse ist zu einem wahren Schmuckstück geworden. Wenn Sie Gelegenheit dazu haben, besuchen Sie diesen besonderen Ort, entdecken Sie im Garten das detailgetreue Miniaturmodell des Gardenhouse, das zugleich als Vogelhäuschen dient, und probieren Sie die ausgezeichneten Backwaren der Brót Bäckerei in der Villa Bagatelle.

Ergänzend zu diesem Artikel empfehlen wir Ihnen auch den Kurzfilm von Dániel Csorba über das Bagatelle Gardenhouse:

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