Ein neues Kapitel in der Geschichte der Esterházy-Villa – Wiedereröffnung als Literarisches Künstlerhaus

Nach dem Tod des bedeutenden ungarischen Schriftstellers Péter Esterházy im Jahr 2016 stand sein ehemaliges Wohnhaus sechs Jahre lang leer. Schließlich sahen sich seine Erben gezwungen, die Immobilie in der Emőd utca 20 im III. Bezirk von Budapest zum Verkauf anzubieten. Es war eine schmerzliche Entscheidung, verbunden mit der Hoffnung, dass das Haus eines Tages wieder mit Leben erfüllt werden würde. In dieser Zeit entwickelten die Schriftsteller Miklós Vámos, György Dragomán und Daniel Kehlmann die Idee, das Gebäude in ein literarisches Künstlerhaus umzuwandeln. Als sie die Verkaufsanzeige der Esterházy-Villa entdeckten, war ihnen sofort klar, dass sie handeln mussten, um das Zuhause einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der ungarischen Literatur zu bewahren. Sie übernahmen die Initiative und wandten sich an die Selbstverwaltung von Óbuda–Békásmegyer. Diese erwarb schließlich die Villa und übertrug ihre Nutzung der Stiftung Magyar Irodalom Barátai Alkotóháza (MIBA – Freunde der Ungarischen Literatur Künstlerhaus). An der umfassenden Rekonstruktion beteiligten sich die Market Építő Zrt., mehr als fünfzig Unternehmen, Lehrende und Studierende des Lehrstuhls für Öffentliches Bauen der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest sowie das Architekturbüro Hetedik Műterem. Ziel war es, das Gebäude behutsam zu modernisieren und gleichzeitig die besondere Atmosphäre der Esterházy-Zeit und den Geist des Hauses zu bewahren.

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte des Gebäudes und verfolgen wir seinen Weg von der Errichtung bis zur heutigen Nutzung als literarisches Künstlerhaus. Historischen Unterlagen zufolge wurde die Villa im Auftrag von Jenő Tatár und seiner Ehefrau errichtet1. Das Gebäude entstand 1935 und dürfte zu den ersten Sommerresidenzen am Római-part2, dem beliebten Donauufer im Norden Budapests, gehört haben. Zeitgenössische Telefonverzeichnisse belegen, dass das Haus mindestens bis 1943 als Sommerhaus genutzt wurde3. Damals war die Gegend noch ein ruhiges Villen- und Feriengebiet mit vorstädtischem Charakter. Sie war bereits mit der HÉV-Vorortbahn erreichbar, entwickelte sich jedoch nur langsam, sodass sich das Viertel nach und nach besiedelte4. Die ursprünglich eingeschossige, L-förmige Villa verfügte über Schlafzimmer mit Blick in den Garten, während das Esszimmer zur Boris utca ausgerichtet war. Neben einem Eltern- und einem Kinderzimmer umfasste der Grundriss außerdem eine Küche, Speisekammer, ein Badezimmer, eine Eingangshalle, ein Dienstbotenzimmer sowie ein Ankleidezimmer – ein typisches Raumprogramm gehobener Sommerhäuser jener Zeit.

Zu dieser Zeit lebte die Familie Esterházy längst nicht mehr in wohlhabenden Verhältnissen. Im Jahr 1951 wurden Graf Mátyás Esterházy, seine Ehefrau Irén Magdolna Mányoki sowie ihre vier Kinder im Zuge der kommunistischen Zwangsaussiedlungen aus ihrem Wohnhaus im XII. Budapester Bezirk in die Gemeinde Hort umgesiedelt5. Ab 1953 lebte die Familie in Csobánka, da ihr die Rückkehr nach Budapest weiterhin untersagt war. Obwohl Mátyás Esterházy promovierter Jurist war, musste er seinen Lebensunterhalt als Straßenarbeiter verdienen, um seine Familie zu versorgen. 1957 nahm sein Leben eine weitere dramatische Wendung: Er wurde von der Staatssicherheit angeworben und als Informant der berüchtigten Abteilung III/III eingesetzt. Seit den 1970er Jahren arbeitete er im Bereich der Spionageabwehr. Das Jahr 1957 brachte jedoch auch eine erfreuliche Veränderung. Im Frühjahr gelang es der Familie, das Haus in der Emőd utca zu erwerben und dort einzuziehen. Einer Familienüberlieferung zufolge bezahlten sie den früheren Eigentümer, den Lederhandwerker Lajos Krausz, dessen Ehefrau Ella Révész und ihre Haushälterin mit Schmuckstücken aus einer erhalten gebliebenen ungarischen Galatracht.

Die sechsköpfige Familie setzte dort ihr Leben fort. Einige Jahre später wurde die ursprüngliche Veranda geschlossen und zu einem zusätzlichen Zimmer umgebaut, das später als Arbeitszimmer von Péter Esterházy diente. Der Schriftsteller fühlte sich diesem Haus eng verbunden. Deshalb beschlossen er und seine Familie in den 1980er Jahren, die Villa von seinen Eltern zu übernehmen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau und ihren vier Kindern zog er dort ein. Da das Haus mit der Zeit zu klein wurde, wurde später auch das Dachgeschoss ausgebaut und zusätzlicher Wohnraum geschaffen6.

Springen wir nun in das Jahr 2023. Nachdem die Erben die Immobilie zum Verkauf angeboten hatten, erwarb die Selbstverwaltung von Óbuda–Békásmegyer das Gebäude. Die Rettung der inzwischen stark verfallenen Villa entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen Geschichte bürgerschaftlichen Engagements. Unter der Initiative der Schriftsteller Miklós Vámos und György Dragomán sowie der Market Építő Zrt. schlossen sich mehr als fünfzig Bauunternehmen zusammen. Sämtliche Beteiligten stellten ihre Arbeit pro bono zur Verfügung. Bereits bei der ersten Bestandsaufnahme zeigte sich, dass der bauliche Zustand wesentlich schlechter war als zunächst angenommen. Das Dach musste vollständig erneuert werden, die Fassade erhielt einen traditionellen Steinputz, sämtliche Elektroinstallationen wurden modernisiert und die Natursteinsockel gegen aufsteigende Feuchtigkeit imprägniert7. Darüber hinaus wurde das Gebäude gedämmt und sowohl die Haustechnik als auch das Heizsystem auf den neuesten Stand gebracht.

Die Planung übernahm das Architekturbüro Hetedik Műterem unter der Leitung des Ybl-Preisträgers Levente Szabó. Im Mittelpunkt stand die kulturelle Bedeutung der Villa. Ziel war nicht ein vollständiger Neubau oder eine moderne Umgestaltung, sondern eine denkmalgerechte Sanierung mit zeitgemäßer technischer Ausstattung und einer möglichst originalgetreuen Rekonstruktion, ohne das historische Erscheinungsbild wesentlich zu verändern8.

Am 22. Januar 2026, dem Tag der Ungarischen Kultur, wurde die restaurierte Esterházy-Villa feierlich eröffnet. Heute dient das Literarische Künstlerhaus zugleich als öffentlicher Begegnungsort. Im Erdgeschoss können Lesungen und Autorengespräche mit rund 40 bis 50 Gästen stattfinden. Darüber hinaus empfängt die Einrichtung ungarische und internationale Schriftsteller sowie Literaturübersetzer und bietet ihnen einen ruhigen Ort zum Arbeiten, Schreiben und kreativen Austausch.

Eine besondere Besonderheit des Hauses war die Bibliothek von Péter Esterházy und seiner Ehefrau Gitta, die rund 12.000 Bände umfasste9. Bücher stapelten sich nahezu in allen Räumen und prägten die einzigartige Atmosphäre des Hauses. Nach dem Verkauf der Villa gelangte ein Teil der Sammlung in den Besitz der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn, während die Manuskripte und handschriftlichen Notizen des Schriftstellers im Archiv der Akademie der Künste in Berlin aufbewahrt werden.

Der ehemalige Arbeitsraum gehört zweifellos zu den faszinierendsten Bereichen der Villa. Hier schrieb Péter Esterházy den Großteil seines literarischen Werks. Bis heute ist die besondere kreative Atmosphäre dieses Ortes spürbar10. Aus dem früheren Arbeitszimmer entstand ein Erinnerungsraum, der dem Schriftsteller gewidmet ist. Einst stand hier ein barocker Schreibtisch. Dessen Konturen wurden in einer modernen Installation aufgegriffen, die den ursprünglichen Arbeitsplatz symbolisch nachzeichnet. Tatsächlich kann man jedoch nicht daran Platz nehmen, da unter der Tischplatte kein Raum für die Beine vorgesehen ist. Stattdessen befinden sich auf beiden Seiten Regale mit Büchern. Präsentiert werden ausschließlich die Werke Esterházys. Jedes Buch besitzt seinen exakt vorgesehenen Platz, die Ausgaben sind chronologisch geordnet, und auf der Tischplatte sind Titel sowie Erscheinungsjahr vermerkt. Auf der gegenüberliegenden Seite werden zahlreiche Übersetzungen seiner Werke aus aller Welt gezeigt. Ebenso außergewöhnlich ist die eigens entworfene Tapete, auf der sämtliche Autoren und Titel der rund 12.000 Bücher aus der ehemaligen Hausbibliothek aufgeführt sind. Auf diese Weise bleibt die Bibliothek – zumindest symbolisch – weiterhin Teil der Villa und bewahrt die Erinnerung an ihre einstige geistige Welt.

Die Esterházy-Villa ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein historisches Gebäude durch gemeinschaftliches Engagement gerettet und mit einer neuen Funktion erfüllt werden kann, ohne den Geist und das kulturelle Erbe seines früheren Bewohners zu verlieren. Es freut uns sehr, ihre Geschichte im Magazin Ungarische Villen vorstellen zu dürfen. Weitere spannende Einblicke bietet auch der Kurzfilm von Dániel Csorba, der hier angesehen werden kann:

Wenn Sie Eigentümer eines Schlosses, Herrenhauses oder einer Villa sind, die Sie in unserem Magazin präsentieren möchten, oder wenn Sie sich für die auf unserer Website vorgestellten Immobilien interessieren, kontaktieren Sie uns bitte unter hello@dandan.hu.